50 Jahre Anwerbeabkommen
Vor 50 Jahren hat Deutschland mit der Türkei ein Anwerbeabkommen geschlossen. Heute leben in der Bundesrepublik rund 2,5 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Bei ihrem Eintritt in die NGG gaben 5.725 der heute aktiven NGG-Mitglieder „Türkisch“ als ihre Nationalität an. Damit sind sie nach den deutschen Kolleginnen und Kollegen die größte Gruppe in der NGG.
Galip Aytac, ist langjähriges NGG-Mitglied und seit 12 Jahren Betriebsratsvorsitzender bei Lieken Brot- und Backwaren in Stockstadt bei Darmstadt.
Galip kam Anfang der 1970er Jahren nach Deutschland, sein Vater war einer der vielen türkischen Gastarbeiter in den Stahlwerken des Ruhrgebiets. Als sein Vater beschloss, in die Türkei zurückzukehren, entschied der damals 19-jährige in Deutschland zu bleiben.
Heute ist Galip 44 Jahre alt und Vater dreier Kinder. Mit Beginn seines Berufslebens trat er in die Gewerkschaft ein: „Mein Vater war in der Gewerkschaft, mein Onkel auch. Eine richtige Wahl hatte ich so gar nicht. Gewerkschaftsarbeit liegt bei uns in der Familie.“ Heute ist er froh, aktives Mitglied in der NGG zu sein und sagt: „Wenn es meinen Kollegen gut geht, geht es mir gut. Um sich durchzusetzen und etwas zu erreichen, müssen wir Arbeiter einfach zusammenhalten.“
Im Betriebsrat von Lieken wurde Galip schnell zum Sprachrohr seiner vielen ausländischen Kolleginnen und Kollegen. Rund 80 Prozent der Beschäftigten in seinem Betrieb haben einen Migrationshintergrund. Galip Aytac: „Oft vertrauen die ausländischen Kollegen einem der ihren ein bisschen mehr. Auch die Sprache spielt natürlich eine Rolle.“ Als er Betriebsrat wurde, waren nur 52 von 340 Beschäftigen in der NGG, heute sind es 108 von 248: „Klar gibt es auch mal Rückschläge, aber insgesamt sind wir zufrieden. Für unsere Mitglieder haben wir viel erreicht. Wenn die Leute merken, dass es sich für sie auszahlt, auch im Geldbeutel, kommen sie gern in die Gewerkschaft. Das ist doch logisch.“
Laut Pass ist Galip Aytac bis heute Türke, seine Heimat aber inzwischen Deutschland. In die Türkei fährt er nur noch etwa einmal im Jahr, schon als Jugendlicher galt er dort als der „Almance“, der Deutsche auf Besuch. Auch Galips Kinder haben den türkischen Pass, einer seiner Söhne überlegt aber, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Für Galip wäre das in Ordnung. Zum oft diskutierten Thema der Integration türkischer Menschen in Deutschland hat er eine entspannte Meinung: „Man muss den Einzelfall betrachten, wenn die Integration nicht so gelingt. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich.“ Die Politik spielt dabei aus seiner Sicht eher eine untergeordnete Rolle: „Was hätten die Politiker denn machen sollen?“ Alles richtig gemacht hätten sie aber nicht. Für die Türken in Deutschland sollte es die doppelte Staatsbürgerschaft geben, meint er. Sie vor die schwierige Entscheidung zu stellen, ob sie deutsche oder türkische Staatsbürger sein wollen, sei falsch. Auch nicht richtig findet er, dass Menschen gezwungen werden, Deutsch zu lernen. Vielmehr sollten mehr Wege aufgezeigt werden, wie und wo man die Sprache lernen kann. Vor allem appelliert Galip aber an den Integrationswillen der Ausländer in Deutschland: „Man muss sich auch etwas anpassen, das war mir von Anfang an klar. Da geht es auch um solche Sachen wie die Kleidung und das Essen.“ Galip Aytac geht was das Kulinarische angeht, mit gutem Beispiel voran: „Zu Hause gibt’s ‚klassisch türkisch’, auf der Arbeit Currywurst.“
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